Ein Buch, das mich auf meinen eigenen Jakobsweg zurückgebracht hat – „Nach Santiago wollte ich nie” von Cornelia Koch hat mir in den ersten Seiten schon keine Wahl mehr gelassen. Ich war sofort weg – nicht im Sessel, nicht in meiner Wohnung, sondern irgendwo auf einem Weg in Nordspanien, mit müden Beinen, einem viel zu schweren Rucksack und diesem ganz eigenen Gefühl, das ich seit fast zwanzig Jahren nicht mehr so deutlich gespürt hatte.
Sofort wieder mittendrin
Ich bin 2026 den Camino del Norte gelaufen – von Santander nach Santiago de Compostela. Das ist schon eine Weile her. Und trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, hat mich dieses Buch so erwischt. Ich habe mitgelacht, gelitten, und weil ich gerade sowieso in einer emotionalen Phase bin, auch viel geweint. Nicht aus Trauer. Warum genau, weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht. Vielleicht weil mich das Buch an etwas erinnert hat, das ich nicht wusste, dass ich es vermisse. Ich habe irgendwann mein Pilgertagebuch rausgesucht und angefangen darin zu lesen. Das ist lange nicht passiert.
Das Wiedererkennen
Beim Lesen war ich sofort zurückversetzt – in Schlafsäle mit raschelnden Plastiktüten ab 5 Uhr morgens, ausgelaufene Sonnencreme im Rucksack, in die Zweifel, die Erschöpfung und in diese Momente aus dem Nichts, in denen alles plötzlich leicht ist und man am liebsten ewig weiterlaufen würde.
Und das Gefühl abends auf einer Isomatte zu liegen, in den Sternenhimmel zu schauen und sich zu wünschen, dass diese Reise niemals endet – da waren die Tränen nicht weit.
Den „Löwen” kannte ich auch sofort. Den trifft man auf jedem Camino. Ich bin dem mehr als einmal begegnet.
Die Menschen auf dem Weg
Was mich damals am meisten überrascht hat und was Cornelia Koch so wunderbar einfängt: diese ganz eigene Gemeinschaft, die auf dem Jakobsweg entsteht. Ich bin alleine gestartet. Habe mich dann immer wieder mit anderen zusammengetan – anfangs mit einem Deutschen, dann mit ihm und einem spanischen Pärchen, dann wieder alleine.
Und trotzdem war man nie wirklich allein. Man verabschiedet sich morgens und denkt: die anderen sind längst weiter oder noch nicht mal aufgestanden. Und dann, abends irgendwo in einer Herberge oder ein paar Tage später, steht da plötzlich ein vertrautes Gesicht. Bei uns gab es die Magic Family, The Big German, Los Tres Heroes. Wer den Weg gelaufen ist, weiß sofort, was ich meine. Wer ihn noch nicht gelaufen ist, dem erklärt das Buch es auf die allerbeste Art.
Das Ende der Stille
Es gibt eine Stelle im Buch, bei der ich kurz innehalten musste – weil ich genau das kenne. Der Moment, wenn man vom ruhigen, fast einsamen Weg auf den Hauptstrom des Camino Francés stößt. Plötzlich diese lärmenden Gruppen von Tageswanderern, die gut ausgeschlafen und laut lachend vorbeizogen. Für mich war das damals fast ein kleiner Schock. Diese Stille, diese Konzentration auf das Wesentliche – die war von einer Sekunde auf die andere weg. Das hat Cornelia Koch so beschrieben, dass ich sofort wusste: ja, genau so war das.
Was dieses Buch wirklich ausmacht
Es ist kein Reiseführer. Es ist kein spiritueller Ratgeber. Es ist das ehrliche Protokoll eines Weges – äußerlich 3348 Kilometer durch Deutschland, Frankreich und Spanien, innerlich noch viel weiter. Cornelia Koch schreibt mit Humor und Selbstironie, ohne dabei flach zu werden. Sie macht sich nichts vor, und sie macht dem Leser auch nichts vor.
Genau das ist es, was bleibt. Nicht die Kilometer. Nicht die Etappen. Sondern das Gefühl, dass da jemand wirklich gegangen ist, wirklich gefühlt hat und wirklich angekommen ist – als eine andere, als die sie losgegangen ist.
Für dieses Zurückversetzen, für diese Erinnerungen, für das Pilgertagebuch, das jetzt wieder auf meinem Schreibtisch liegt – dafür sage ich danke. Und für etwas anderes noch: Seit meinem eigenen Jakobsweg träume ich immer wieder davon, den Weg irgendwann von zu Hause aus zu starten. Einfach losgehen. Von der Haustür. Cornelia Koch hat das getan. Und dieses Buch hat mich darin bestärkt: Irgendwann werde ich das auch tun.
Für wen ist dieses Buch das Richtige?
Für alle, die den Jakobsweg schon gegangen sind und sich erinnern wollen – ehrlich, warm und ohne Romantisierung. Für alle, die ihn noch vor sich haben und wissen wollen, wie es wirklich ist, wenn man morgens mit Blasen aufsteht und trotzdem weiterläuft. Und für alle, die irgendwo in ihrem Leben an einem Punkt stehen, an dem sie spüren, dass es Zeit wäre, die Dinge wieder zurechtzurücken – auch wenn sie noch nicht wissen wie.
Dieses Buch nimmt dich mit. So wie der Jakobsweg einen mitnimmt.
